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Was können wir uns langfristig vorstellen? Wir haben aus einer Vielzahl von Gesprächen, eigenen und anderer Erfahrungen Überlegungen angestellt, wie langfristig eine umfassende und zugleich effektive Beteiligungskultur in Deutschland, aber auch anderswo, aussehen könnte. Wovon gehen wir aus, was sind unsere Grundlagen? Die Zusammenhänge innerhalb der Welt, in der wir leben, sind derart komplex, dass niemand in der Lage ist, sie alle zu erfassen, schon gar nicht in ihren Folgen zu durchschauen. Ein einfaches Beispiel möge das illustrieren: Sie haben 10 Aufgaben auf 10 Personen zu verteilen, das können Freunde sein, die beim Bau helfen oder Mitarbeiter in einer Firma. Irgendwie werden Sie eine Lösung finden, bei der jeder etwas zu tun hat und das Ganze vorankommt. Aber wissen Sie, ob Sie die beste Möglichkeit gefunden haben? Sie werden vielleicht diese Behauptung aufstellen, um einige Personen von Ihrer Aufgabe zu überzeugen. Sie konnten gar nicht alle Möglichkeiten durchdenken, denn es gibt 10 Milliarden unterschiedliche Kombinationen. Wenn Sie auch nur eine Sekunde für jede gebraucht hätten, würde das Ganze ungefähr 5 Jahre dauern. Bei 12 Aufgaben und 12 Personen wären das fast 5.000 (fünftausend) Jahre. Natürlich kann die Verteilung der Aufgaben an eine Person delegiert werden, wir sind das aus Firmen und vor allem vom Bau nicht viel anders gewohnt. Aber auch dort hat sich vieles verändert: Moderne Technologien haben Einzug gehalten, komplexe Maschinen müssen bedient werden, es gibt immer weniger ganz "einfache" Arbeiten, und auch diese müssen genau ausgeführt und mit anderen abgestimmt werden, weil alles irgendwie mit allem zusammenhängt. In Entscheidungen fließen immer häufiger und immer mehr Informationen ein, über die fast immer nur diejenigen verfügen, die sie hinterher ausführen sollen. Das ist auch auf dem Bau so: Der Maurer, der feststellt, dass eine Wasserleitung undicht ist, kann sie einfach überputzen oder diese Information anderen zur Verfügung stellen, in der Hoffnung, dass der Schaden behoben wird, auch wenn das seinen Zeitplan vielleicht durcheinander bringt und er seine Vorgaben nicht erreicht. Was wir hier im "Kleinen" beobachten, gilt im "Großen" erst recht: Wir müssen "die Menschen" in die Entscheidungen einbeziehen, von denen sie zukünftig betroffen sein werden. Einbeziehen heißt, sie mit den erforderlichen Informationen zu versorgen, ein gemeinsames Verständnis über die Lage und die Notwendigkeiten herzustellen, gemeinsam auszuloten, wer was zu geben bereit ist und wer was notwendig braucht und gemeinsam nach Möglichkeiten und Alternativen Ausschau zu halten um am Ende zu gemeinsamem Handeln zu gelangen. Wir wissen heute aus vielen Erfahrungen vor allem in Unternehmen aber auch in anderen Organisationen und Zusammenhängen, dass dies nicht in ein chaotisches und unsinniges Palaver ausarten muss, sondern dass ein solcher Prozess geordnet und effektiv gestaltet werden kann. Wir gehen davon aus, dass es dazu nicht heute und immer weniger in der Zukunft Alternativen gibt. Die charismatischen Führer sind blind, sie wissen nicht was sie tun, wenn sie nicht mit den Betroffenen gemeinsam ihre Entscheidungen treffen. Das erfordert eine ganz andere Art von Führung, eine, die sich die Gestaltung und Durchführung eben solcher Beteiligungsprozesse zur Aufgabe macht. Diese Führer müssen in der Lage sein, ihre Unwissenheit, die gar kein Makel ist, zuzugeben und daraus die richtigen Folgerungen ziehen. Wollen Menschen überhaupt gefragt und beteiligt werden? Unsere Erfahrung und die unserer Kolleginnen und Kollegen sagt uns: Ja, sie wollen, sie dürsten sogar danach. Aber auch nur dann, wenn diese Einbeziehung nicht nur pro forma erfolgt, sondern wenn ihre Erfahrungen, ihre Wünsche und ihr Wissen ernst genommen und wirklich in den Meinungsbildungsprozess eingehen und sie dies auch erfahren. Es geht gar nicht darum, dass jede Meinung auch befolgt, dass jeder Wunsch erfüllt werden muss, wenn es Gründe gibt, dies nicht zu tun, wird dies in aller Regel auch verstanden, wenn es denn auch kommuniziert und erklärt wird. Wird dies vergessen, kann ein Beteiligungsverfahren zu Frustrationen und zum Rückzug der Betroffenen führen. Dann wäre es manchmal besser gewesen, das Verfahren hätte gar nicht erst stattgefunden. Es geht also darum, eine möglichst große Anzahl von Menschen (wieder) aktiv an Politik zu beteiligen - im Kleinen wie im Großen, kommunal, auf Länderebene und auch zu bundespolitischen Themen. Dabei geht es darum, alle gesellschaftlichen Schichten zu erreichen. Viele Beteiligungen leiden daran, dass es immer dieselben "Verdächtigen" sind, die aktiv sind, es sind häufig diejenigen, die ohnehin in der einen oder anderen Weise aktiv sind. Es müssen also Angebote sein, die für alle Menschen attraktiv sind, unabhängig von ihrem sozialen oder Bildungsstand. Die meisten der bekannten Verfahren erlauben gerade diese Beteiligung aller: Sie ermöglichen eine demografische repräsentative Auswahl der Teilnehmer, die gleiche Wertschätzung von Beiträgen unabhängig von den rhetorischen Fähigkeiten dessen, der sie einbringt, die Vermeidung von Wiederholungen und Monologen. Was ist unsere langfristige Vision? Es wird regelmäßig moderierte Großgruppenveranstaltungen zu jeweils aktuellen Themen geben, die hinsichtlich der unterschiedlichen parteipolitischen Orientierungen neutral sind, sie sind nicht das Werkzeug irgendeiner einzelnen Partei, aber ihre Ergebnisse werden in die anstehenden Entscheidungsprozesse eingehen. Hinsichtlich der Themen kann es durchaus zu Wiederholungen kommen, zum einen, weil es in der Zwischenzeit neue Erkenntnisse und Lernprozesse gegeben haben sollte, zum anderen, weil auch anderen Menschen eine Chance zur persönlichen Teilnahme gegeben werden sollte. Diese Veranstaltungen können durchaus einen Umfang von ca. 1000 Teilnehmern erreichen. Um den Radius der Wirkung weiter zu ziehen, um auch Menschen zu erreichen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht aktiv teilnehmen können, denken wir an zwei Weiterungen solcher Veranstaltungen: Einerseits können sich Menschen über das Internet sowohl über die Diskussion als auch den Stand der Entscheidungen informieren und auch aktiv Beiträge hinzusteuern und an Abstimmungen, die während der Veranstaltungen deren Verlauf steuern, teilnehmen. Diesen Teilnehmern fehlt zwar der unmittelbare persönliche soziale Bezug zu den Teilnehmern der Großgruppe, dies ließe sich aber dadurch lindern, dass an unterschiedlichen Orten kleinere oder größere Gruppen sich treffen, um so per Internet sowohl an der Veranstaltung teilzunehmen als auch in einem sozialen Bezug Themen und Ergebnisse austauschen und besprechen zu können. Es gibt hinsichtlich der Technik eine Vielzahl von Ansätzen, die für eine solche Teilnahme geeignet sein können, scheitern wird es hieran sicher nicht. Nun lassen sich auch durch das Internet nur Teile der Bevölkerung erreichen, und es besteht sogar ein Risiko, wieder die ohnehin aktiveren zu bevorzugen. Um ein eigentlichen Massenpublikum zu erreichen, gibt es nur ein geeignetes Medium: das Fernsehen. Die dritte Ebene - nach persönlicher Vor-Ort-Beteiligung und Internet-Teilnehme - ist also die Übertragung einer solchen Veranstaltung im Fernsehen. Das dies keine "Einbahnstraße", keine Ein-Weg-Kommunikation sein muss, zeigen Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" oder die europäischen Song-Wettbewerbe. Auch bei diesem Format bestünde die Möglichkeit, in einer Art "Public Viewing" kleinere oder größere Gruppen zu versammeln, um einen unmittelbaren sozialen Kontext herzustellen und den Menschen zumindest die Chance zu geben, der Vereinzelung vor dem heimischen Gerät zu entgehen. Diese Veranstaltungen setzen eine enge Zusammenarbeit mit den politischen und administrativen Institutionen voraus: Einerseits müssen diese ihren Sachverstand, Zahlen, Daten und Fakten bereitstellen, damit sich die Menschen überhaupt ein realistischen Bild von der aktuellen Situation machen können, andererseits sind sie diejenigen, die auf die Ergebnisse dieser Veranstaltungen bauen können. Je besser die bestehenden Institutionen ihr Wissen in diese Prozesse einbringen, desto besser können die Ergebnisse sein. Es geht um einen beiderseitigen Lernprozess: Politik und Verwaltung lernen, die Potenziale der Bürger zu fördern und aktiv zu nutzen, die Bürger erhalten die Möglichkeit, Einblicke in komplexe Sachverhalte zu gewinnen, ihre eigene Position zu finden und ihre Bedürfnisse und Notwendigkeiten, aber auch ihre Möglichkeiten einzubringen. Das alles kostet viel Geld, aber es hat einen ungleich größeren Nutzen: Derzeit geben die politischen Parteien erhebliche Summen für repräsentative Umfragen aus, diese Budgets allein würden einen erheblichen Teil der Kosten decken. Fernsehrechte werden erst einmal nicht so viel einbringen wie die Übertragung der Bundesliga, aber wenn die Wahl einer Weinkönigen fernsehtauglich ist, sollten es solche Veranstaltungen zur Willensbildung auch sein, und ihre Übertragung sollte auch einen Obulus wert sein. Nicht zuletzt haben solche Veranstaltungen auch einen Unterhaltungswert, der ein Eintrittsgeld wert ist, vielleicht zum Preis einer Kinokarte, oder einer Maß Bier auf dem Oktoberfest. Wir wollen Sie hier auf ähnliche Überlegungen hinweisen, die unsere Partnerorganisationen Involve in Großbritannien und AmericaSpeaks in den USA angestellt haben, beide Beiträge sind leider in Englisch, an einer Übersetzung arbeiten wir noch: erschaffen die Welt, in der wir leben, selbst.
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